Hermetschwil, Benediktinerinnenkloster, Cod. membr. 37

Bretscher-Gisiger Charlotte / Gamper Rudolf, Katalog der mittelalterlichen Handschriften der Klöster Muri und Hermetschwil, Dietikon-Zürich 2005, S. 205-207.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags (Urs Graf Verlag, Dietikon). Das Copyright an der Handschriftenbeschreibung liegt beim Verlag.
Handschriftentitel: Psalterium
Entstehungsort: Südwestdeutsch
Entstehungszeit: Ende des 12./ erste Hälfte des 13. Jahrhunderts
Frühere Signatur: Cod. 6.68.
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 110 Blätter
Format: 19,5 x 15 cm
Seitennummerierung: Neuere Foliierung: 1-110.
Lagenstruktur: (III-1)5 + (I-1)6 + 13 IV110. Vor der ersten Lage fehlt mindestens 1 Bl.; Bl. 6 gehörte vor der Restaurierung vermutlich zur ersten Lage. Am Schluss fehlt mindestens eine Lage. Textverlust.
Seiteneinrichtung: Stiftliniierung. Schriftraum 14,5 x 10-10,5, 22 Zeilen.
Schrift und Hände: Späte karolingische Minuskel, wohl von einer Hand.
Buchschmuck:
  • Rubriziert.
  • Bei den Versen einzeilige, bei den Psalminitien 2-3zeilige rote Lombarden.
  • Psalminitien in schwarzer Kapitalis. Bei Ps 1, 38, 51, 52, 68, 80, 97, 101 Psalmeninitien in Zierkapitalis, Buchstaben abwechselnd rot und schwarz.
  • Bei Ps 25, 26, 38, 52, 68, 80, 97 und 109 sowie Canticum Jesaie 5-6zeilige rote Lombarden mit einfachem Palmettenfleuronné.
  • 7r bei Ps 1 ganzseitige Initiale B, aus roten und grünen Drachen gebildet, mit Halbpalmetten verziert, auf blauem und grünem Grund mit goldener Füllung. Im oberen Bogen Christus, Halbfigur, die Rechte zum Segen erhoben, hält er mit der Linken ein Buch, auf dessen Deckel die Buchstaben A R M T B stehen, im unteren Bogen David mit der Harfe, in rotem Gewand und gelber Kappe.
  • 41r bei Ps 51 13zeilige Initiale Q, Buchstabenkörper golden mit dunkelroten Zierklammern, auf blauem Grund, grün gefüllt, ein Drache bildet die Cauda; durch den Buchstaben sprengt ein rotgewandeter Ritter mit gelbem Topfhelm, Lanze und goldenem Schild auf einem hellbraunem Pferd.
  • 73r bei Ps 101 12zeilige Initiale D, Buchstabenkörper golden, mit dunkelroten Zierklammern, grün gefüllt auf blauem Grund mit weissem Punktmuster, im inneren Feld Palmettenranken in Rot und Gelb.
  • Bl. 59 und 91 Risse genäht mit braunem und beigem Seidenfaden; Bl. 19, 53, 108 und 110 Löcher mit grünen, weissen, roten und gelben Stickereien umnäht und gefüllt.
Spätere Ergänzungen: Im Kalendar nekrologische Einträge, im Psalter Zählung der Psalmen in arabischen Ziffern sowie am Rand Antiphonen, Versikel und Invitatorien von einer Hand des 15. Jhs.
Einband: Mit dunkelbraunem Leder bezogene Holzdeckel, 15. Jh. Einschnitte der ursprünglichen Bindung im Buchblock sichtbar. Streicheisenlinien. Restauriert 1968/69. Eine nach vorn greifende Kantenschliesse mit Messingteilen. Vor 1r sehr schmales Fragment, 11.-12. Jh., davor mit rotem und grünem Seidengarn umnähter Pergamentstreifen, 3,5 cm, darauf geklebt vom vorderen Deckel abgespaltenes Holzblättchen mit roter Signatur 37, darüber mit Bleistift No. 37. Neue Spiegelblätter (altes Papier); die von Bruckner, Scriptoria 8, S. 130 vermerkten Schriftspuren sind nicht mehr sichtbar.
Inhaltsangabe:
  • 1r-6v Kalendar.
    Goldene Zahl, Sonntagsbuchstaben, Kalenden, Nonen, Iden, Dies egyptiaci, Sole intrante. Hervorgehoben: Marienfeste (Purificatio 2. 2., Annunciatio 25. 3., Assumptio 15. 8. mit Oktav 22. 8., Nativitas 8. 9.) Mariae in Majuskeln und rot gestrichelt; Johannes Bapt. (24. 6.), Gallus (16. 10.), Martin (11. 11.), Andreas (30. 11.), Stephan (26. 12.), Johannes Ev. (27. 12., Namen rot gestrichelt). Nachträge: Leo (15. statt 14. 3.), Gertrud (17. 3.), Katharina (25. 11.). Nekrologische Einträge von anderen Händen: Richinza 11. 3., Berchta 8. 4., Iudint[a] (1. 9.), Iudinta (8. 9.), Roͧdolf (15. 11.); am 4. 2. Abbas Růdolfus dictus de Winkelriet, in roter Tinte, deutlich später.
  • 7r-103r Psalterium non feriatum. Beatus vir …–… laudet dominum.
    Ps 1-150, Initialen bezeichnen die liturgische Teilung nach Cursus Romanus. Am Rand Antiphonen, Versikel und Invitatorien nach Cursus Romanus von einer Hand des 15. Jhs.
  • 103r-110v Cantica, Te deum, Pater noster, Symbolum apostolorum. >Canticum Esaye< Confitebor tibi …–… ascendit ad celos //.
    Cantica.
    • (109r) Te deum.
    • (110v) Pater noster. Symbolum apostolorum, Schluss fehlt.
Entstehung der Handschrift: Wird in der Forschung dem Engelberger Meister zugeschrieben. Die Heiligenfeste des Kalendars geben keine Hinweise auf Engelberg; bemerkenswert: Servuli paralitici (23. 12.). Die südwestdeutsch-schweizerische Herkunft ist unbestritten.
Erwerb der Handschrift: Nach Durrer Kloster Engelberg aufgrund des nekrologischen Eintrags im Kalendar Abbas Růdolfus dictus de Winkelriet (4. 2.); Rudolf Schertleib war Abt von Engelberg 1298-1317, Helvetia sacra III, 1, 1, S. 617. Ebenfalls nach Durrer gelangte der Psalter im 19. Jh. von Hermetschwil nach Muri-Gries. Die Handschrift gehört vielleicht zu den im Bücherverzeichnis von Hermetschwil 1697 auf 49v aufgeführten Psalter Davids. Stempel 1r Convent M. G., 19. Jh., und alte Signatur Cod. 6.68., daneben rot n° 37.
Bibliographie:
  • Robert Durrer, Die Maler- und Schreiberschule von Engelberg, in: ASA NF 3, 1901, S. 152-154, Abb. 103, 104;
  • Hermann, Handschriften, S. 65, Nr. 66 mit Fig. 24;
  • Durrer, KDM Unterwalden, S. 711f., Abb. 443, 444;
  • Hanns Swarzenski, Die lateinischen illuminierten Handschriften des 13. Jahrhunderts in den Ländern an Rhein, Main und Donau, Berlin 1936, Bd. 1, S. 50, Bd. 2, Abb. 521a;
  • Ferdinand Güterbock, Engelbergs Gründung und erste Blüte 1120-1223, Zürich 1948, S. 106-109;
  • Bruckner, Scriptoria 7, S. 46, 80;
  • Bruckner, Scriptoria 8, S. 56, S. 129f.;
  • Amschwand, Bibliotheksgeschichte, S. 163;
  • Felder, KDM Aargau 4, S. 265, Abb. 272;
  • Jeffrey F. Hamburger, Frauen und Schriftlichkeit in der Schweiz im Mittelalter, in: Susann Bieri und Walther Fuchs, Bibliotheken bauen. Tradition und Vision. Basel 2001, S. 95f.