Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, Y 36

Dario Binotto, Dörthe Führer, Pauline Jacsont, Mikkel Mangold, Laura Glöckler, Joana Keller, Rudolf Gamper, Katalog der mittelalterlichen Handschriften der Kantonsbibliothek Thurgau, Basel, 2025, S. 98-101.

By courtesy of Schwabe Verlag, Basel, Berlin. The manuscript description is copyrighted by the publisher.
Manuscript title: Antiphonarium
Place of origin: Fischingen (?)
Date of origin: 15. Jahrhundert
Former shelfmark: M.19
Support: Pergament
Extent: 188 Blätter
Format: 45,5 × 30 cm
Foliation: Alte Foliierung (wohl von derselben Hand um 1600) mit Tinte: 14–113. 115–126. 128–196. 198. [199]. 201–202. In der letzten Lage neuere Foliierung mit Bleistift ergänzt: 203–206.
Collation: (V-3)20 + IV28 + (IV-1)35 + 9 IV107 + (IV-1)115 + IV123 + (IV-1)131 + IV139 + (IV-2)145 + 6 IV194 + (IV-2)202 + (III-2)206. Es fehlen der ehemals erste Quinio (Bl. 1–10) sowie die ersten drei Blätter (Bl. 11–13) der heute ersten Lage, Textverlust. Danach wurden herausgeschnitten: 1 Blatt zwischen 35 /36 (ohne Textverlust), dann Bl. 114, 127, zwei Blätter zwischen Bl. 145 /146, das Doppelblatt 197/200 sowie zwei Blätter zwischen 202 /203 (alle mit Textverlust). Die letzte Lage wurde nachträglich hinzugefügt. Reklamant nur noch auf 194v vorhanden. Alte Lagenzählungen am Anfang der Lage, rote Zahl von einer Hand des 15. Jhs: tercius (21r) – xviiius (140r), primus (146r) – septimus (195r); später daneben schwarze Majuskelbuchstaben von einer Hand um 1600 (siehe ‹Nachträge›): C (21r) – Z (178r), A (186r) – b (195r).
Condition: Einige Blätter weisen Risse auf, z. B. Bl. 128, 175; aus anderen Blättern wurden Stücke herausgeschnitten, z. B. Bl. 172 und [199 ]. Zahlreiche Pergamentlöcher (z. B. Bl. 81, 150), teils bei der Pergamentherstellung genäht (nur noch Nadellöcher vorhanden, z. B. Bl. 57, 144, 174). Restaurierung einiger Löcher und Risse mit hellem Pergament (z. B. Bl. 30, 48, 79 /80, [199 ] und 201). Feuchtigkeitsflecken (z. B. Bl. 2122, 37), teils mit weggewaschener Tinte (z. B. Bl. 19v). Tinte teils verblasst (z. B. Bl. 99r, 173r).
Page layout: Spuren von Begrenzung des Schriftraums mit Stift. Punktierungen teils erhalten. Schriftraum 37,5–40 × 23,5–26, 8–17 Zeilen mit Notenschema.
Writing and hands: Textualis formata von einer Hand des 15. Jhs.
Musical notation: Hufnagelnotation auf fünf braunen Linien mit Custos; 203r206r auf schwarzen Linien; innerhalb der Notenzeilen vertikale braune Verbindungsstriche zur genauen Ausrichtung zwischen Notation und Text.
Decoration: Rote Überschriften; die doxologischen Elemente und die Incipits der Psalmen mit roter Strichelung und rot unterstrichen. Strophenanfänge mit einzeiligen Kadellen mit roter Strichelung (Bl. 152r mit Profil, Bl. 205r mit Fäden) und roten Lombarden, letztere teils mit Schaftaussparungen, teils mit Punktverdickungen, ausserdem: Bl. 105v106r mit Gelb ausgemalten Binnenfeldern; Bl. 181r (mit Schrift im Binnenfeld der Initiale: Io lo (?) bru (?)) und 202v mit Gesicht; Bl. 142r zweizeilige rot-braun ornamental gespaltene Lombarde mit Profilfratze; Bl. 205v mit Faltstern im Binnenfeld. Bl. 203r rote gerahmte Initiale mit Kringelornament im Binnenfeld; Bl. 205r rote Initiale mit Palmetten im Buchstabenkörper, in den Binnenfeldern rosa Blüte und silbrig-golden schimmernder Faltstern. Bl. 206r, späterer Zusatz, Initiale mit roter Tinte skizziert, unvollendet.
Additions:
  • Selten Korrekturen von der Hand des Schreibers, z. B. auf Bl. 23v, 32v, 37r, 104r, 187r, 192r. Rasuren, z. B. Bl. 33v, 35r, 189r.
  • Bl. 145r145v Nachträge in Bastarda mit Schleifen des 15. Jhs.
  • Bl. 203r205v Nachträge in Imitationsschrift mit gewissen Ähnlichkeiten zur Rotunda, datiert auf 1611 (Bl. 203v). Von derselben Hand wurden an zahlreichen Stellen die vom Schreiber verwischten Teile nachgezogen (z. B. Bl. 144r, 151v und 189r) und die fehlenden Lombarden in schwarzer Tinte ergänzt (z. B. Bl. 42r). Von derselben Hand Besitzvermerke auf Bl. 36r und dem Spiegelblatt (siehe ‹Besitzer›).
  • Auf Bl. 30r, 32r, 49v, 135v, 150v und 151r Korrekturen und Ergänzungen der Gesangstexte durch mehrere Hände des 17. Jhs.
  • Nachtrag auf Bl. 206r in Textualis formata, darunter ein Besitzvermerk (siehe ‹Besitzer›). Streichungen in roter Tinte, z. B. Bl. 34r und 183r. Teils feine Kreuzzeichen am Seitenrand, z. B. 54v, 56v, 95v. 153v, 167v Marginalien/Kritzeleien mit Griffel.
Binding:
  • Mit hellem Leder bezogene Holzdeckel, ca. 1500, Kanten innen abgeschrägt, wurmstichig. 1981 restauriert von Louis Rietmann (St. Gallen), vgl. Etikett auf dem hinteren Spiegelblatt. Streicheisenlinien, vier Rollenstempel: Erster Rollenstempel mit Evangelistensymbolen (ähnlich EBDB r004549): Christus, Petrus, Paulus und Johannes der Täufer mit Inschriften: Data est mihi, Tu es Petrus, Apparuit mihi, Ecce agnus dei. Zweiter Rollenstempel in der Mitte mit allegorischen Figuren und Inschriften: Fides, Sapie[ntia], Spes. Die beiden anderen Rollenstempel mit Rankenmustern; diese beiden letzten Rollenstempel bilden auf dem Vorderdeckel ein Hexagramm. Drei verschiedene Einzelstempel mit pflanzlichen Motiven und Blumen. Platte in der Mitte mit Kreuzigung. Auf Vorder- und Rückendeckel jeweils vier runde Messingbuckel sowie an der oberen und unteren Kante je zwei ziselierte Beschläge. Zwei nach vorne greifende Langriemenschliessen mit dicken Riemen aus hellbraunem Leder (aussen verziert mit Streicheisenlinien) und quadratischen Messingösen sowie weiterem Kupferbeschlag am Ende des Riemens (zwecks Befestigung?); im Vorderdeckel zwei Messingdorne. Der Einband stammt aus derselben Werkstatt wie Y 131. Wohl ehemals zweifarbig umstochene, heute farblose Kapitale. Schnitt rot.
  • Vorderes und hinteres Spiegelblatt: Fragment in karolingischer Minuskel des 12. Jhs., zweispaltig (9), 39 Zeilen, Liber Glossarum (vorne PO47–PO92, PO263–PO340; hinten OR125–OR176, PA168–PA191, hrsg. von Anne Grondeux und Franck Cinato, Liber Glossarum Digital, Paris 2016 (http://liber-glossarum.huma-num.fr). Auf dem Spiegelblatt Federproben und Besitzvermerk (siehe ‹Besitzer›).
  • Auf dem Rücken Signaturschild, schwarz gerahmt: Y 36, Kant.-Bibliothek Thurgau.
Contents:
  • 14r101v Proprium de tempore. Weihnachten – Pfingstsamstag. // auream portam egredere >In nativitate Christi. Antiphona<. O mundi domina regio (CAO 4048) …–… ne discederet ab eis. Alleluia. Evovae (CAO 2835). 14r Weihnachten, 30r Epiphanie, 45r Aschermittwoch, 64v Palmsonntag, 78v Ostern, 93v Auffahrt, 97r Pfingsten.
  • 101v202v Proprium de sanctis. Sebastian – Caecilia >Sebastiani antiphona in laudes< Sanctus Sebastianus dixit Nicostrato >Item de sanctis hyemali tempore <. 113v lapidibus preciosis tradidit // Verlust von Bl. 114. 115r // impiorum et spurcitias dyaboli 126v sic dicitur qui // Bl. 127 fehlt. 128r // temptans fuge latibula preparat 135r >In paschali tempore de sanctis ad vesperas et ad matutinas<. 145r Nachtrag: [S]alve sancta Kachterina [sic] flos intactus (AH 55 Nr. 206) 145v Misit protinus cli// Textverlust: nach Bl. 145 fehlen zwei Blätter. 146r >In vigilia beati Iohannis Baptiste antiphonae ad vesperas<. Descendit angelus domini 196v Gaudent in celis ani// Bl. 197 fehlt. 198r //sarius non recuso subire …–… 202v hodie te fateor meum // Textverlust: nach Bl. 202 fehlen zwei Blätter. Ungewöhnliche Reihenfolge: 101v Sebastian (20. Jan.), gefolgt von Andreas (30. Nov.); 116v Conversio Pauli, 119v Purificatio BMV, 123r Agatha, 126r Kathedra Petri, 134r Annuntiatio BMV, 138r Philippus und Jakobus, 139r Inventio crucis, 155r Maria Magdalena, 163r Laurentius, 167r Assumptio BMV, 169r Commune sanctorum, 176r Dedicatio ecclesiae, 179v Exaltatio crucis, 185v Gallus, 194v Allerheiligen, 201r Othmar.
  • 203r205v Nachtrag. >Responsorium de sanctissimo Clemente< Orante sancto Clemente apparuit (CAO 4180) et benedictus fructus ventris tui. Gloria patri et filio et spiritui sancto. Ergänzung zum Proprium Sanctorum: 203r Scholastika, 204r Conceptio BMV, 205r Annuntiatio BMV.
  • 206r Nachtrag. Vesperantiphon für Heilige Idda. Adest dies celebris quo soluta nexu carnis sancta patrona nostra …–… ubi gaudet cum celicolis. Alleluia. Evovae. Vgl. Acta Sanctorum, Novembris Bd. 2, Brüssel 1894, S. 108.
  • 206v leer.
Origin of the manuscript: Bruckner, Scriptoria 10, S. 28, ging ohne nähere Begründung von einer Herkunft der Hs. aus Fischingen aus. Dazu könnten die in den Gesängen und der Litanei genannten Heiligen passen: Gallus (185v), Othmar (201r), und Scholastika (203r). Ansonsten basiert diese Annahme lediglich auf den verschiedenen Besitzvermerken des 17. Jhs. Die Schrift datiert ins 15. Jh.
Provenance of the manuscript: Spätestens seit ca. 1600 in Fischingen: Mehrere datierte Besitzvermerke, so auf dem vorderen Vorsatzblatt: IHS M[A]R[I]A Vischigen Ins Gottshus gehörret; auf dem hinteren Vorsatzblatt: Ad k[alendas ?]: Patres Vischigenses Anno 1602 Super Benedicto Patr[e]. Von derselben Hand Bl. 36r: F. M. Al. (?) V. Anno 1609; Bl. 203v: anno 1611 und Bl. 206r: zu Fischingen. Der Nachtrag auf Bl. 206r mit einer wohl für Ida von Toggenburg bestimmten Antiphon bestätigt die Nutzung in Fischingen.
Acquisition of the manuscript: Spätestens seit 1858 unter der Signatur M.19 in der Kantonsbibliothek Thurgau, vgl. Katalog (siehe ‹Literatur›).
Bibliography:
  • Katalog 1858, S. 91;
  • Katalog 1886, S. 152, 272;
  • Bruckner, Scriptoria 10, S. 27.