Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, Y 30

Dario Binotto, Dörthe Führer, Pauline Jacsont, Mikkel Mangold, Laura Glöckler, Joana Keller, Rudolf Gamper, Katalog der mittelalterlichen Handschriften der Kantonsbibliothek Thurgau, Basel, 2025, S. 92-95.

Per gentile concessione di Schwabe Verlag, Basel, Berlin. Tutti i diritti sono riservati all'editore.
Titolo del codice: Stunden- und Gebetbuch
Luogo di origine: Thurgau
Datazione: letztes Viertel des 15. Jahrhunderts
Supporto materiale: Papier. Wasserzeichen: Agnus Dei, Piccard, Wasserzeichenkartei Nr. 86736 (1482) und Variante von Nr. 86737 (1482).
Dimensioni: 182 Blätter
Formato: 15 x 10,5 cm
Numerazione delle pagine: Foliierung von einer Hand des 15. Jhs. mit roter Tinte, ergänzt durch neuere Hand anfangs mit Tinte, danach mit Bleistift: A–E. 1. ii–cxvii. cxvii[a]. cxviii. cxii[a]–cxvi[a]. cxvii[b]. cxviii[a]. cxix. 120–169.
Composizione dei fascicoli: (VI+2)viiii + Vxviiii + 12 VI155 + (VI+2)169. Bl. A, B, 168, 169 sind Einzelblätter, die an die erste bzw. an die letzte Lage angefügt wurden. Reklamanten, teils beschnitten.
Condizione: Wenige Wurmlöcher; auf Bl. A, B, 168, 169 Korrosionsspuren von den Nägeln des Buchdeckels.
Disposizione della pagina: Begrenzung der Spalten mit Tinte. Schriftraum 9,5–10,5 × 6,5–7, 13–16 Zeilen.
Tipo di scrittura e mani: Schleifenlose Bastarda von einer Hand des 15. Jhs
Decorazione: Rote Strichelung, rote Überschriften, rote Verweise auf andere Blätter und die dort ausgeschriebenen Texte (z. B. xxxiiir: Sext suoch in dem xxiiii blat; Bl. cxii[b]v [cxir]: Suoch in der laus metti von unser frowen in dem drizehendosten blate). 1zeilige schlichte rote Lombarden im Text; 1–2zeilig, teils mit Punktverdickungen, am Anfang von Tagzeiten, Psalmen, Lesungen, Gebeten Sequenzen und Hymnen; 3zeilig auf iv (mit knospenartigen Konturbegleitstrichen) und xxxviiiiv (mit schwarzem Konturbegleitstrich); 4zeilig auf lxxxiiiiv (rot-braun, mit Schaftaussparung) und 157v. Rote Paragraphenzeichen auf dem Seitenrand (xviiv, xviiiv, liiiv und liiiir).
Aggiunte: Wenige Korrekturen von der Hand des Schreibers, Streichungen meist in Rot, z. B. iiir, viiv, viiir, lxviir, cvr, cxiiiiv, 140r, 163v, 164r. Ar-Br Nachtrag von der Hand des Schreibers (siehe Inhaltsangabe). Von einer Hand des ausgehenden 16. Jhs. stammt ein Eintrag auf Bl. lxxiir: 1599 Jahr zelt, sowie ein Besitzeintrag auf 169v (siehe ‹Besitzer›) und die teils doppelt nachgetragene Foliierung, z. B. liiiir, lxixr, lxxxxviiir.
Legatura:
  • Mit himbeerrotem Leder bezogene Holzdeckel, Ende 15. Jh., wurmstichig. Jeweils Nagellöcher und Spuren von ehemals vorhandenen Beschlägen sichtbar (in der Mitte trapezförmig, an den vier Ecken von einem blattförmigen oder geometrischen Motiv); auf dem vorderen Deckel Streicheisenlinien und zwei blütenförmige Einzelstempel. Ehemals eine nach vorne greifende Kantenschliesse, vordere Messingraste (Fragmentstück, mit Inschrift) noch vorhanden. Rücken zu einem späteren Zeitpunkt (19. Jh.?) mit rotem Leder im Stile eines Halblederbands bezogen. Mit schwarzem und ungefärbtem Garn umstochene Kapitale, ebenfalls aus jüngerer Zeit (19. Jh.?).
  • Spiegelblätter Pergament, je ein Fragment derselben deutschen Gerichtsurkunde von einer Hand des 15. Jhs., ausgestellt unter einem Bischof Heinrich (Heinrich IV. von Hewen, Bischof von Konstanz 1436–1462) über einen Prozess bezüglich Erbstreitigkeiten um Elserbeth Hugsin unter Beteiligung eines Bürgers Hugen Bilgrin, wobei letzterer als Bürger von Bischofszell (TG) belegt ist, vgl. Chartularium Sangallense, hrsg. von Otto P. Clavadetscher und Stefan Sonderegger, St. Gallen 1983ff., Bd. 12, Nr. 7069 (1399) und Ebd. Bd. 13, Nr. 7537 (1405); vgl. bereits Katalog 1886, S. 248.
  • Auf dem Rücken unten Signaturschild, schwarz gerahmt: Y 30, Kant.-Bibliothek Thurgau.
Contenuto:
  • Ar-Br Nachtrag von der Hand des Schreibers. Über die Vorbereitung auf den Kirchgang und auf die Beichte. Wem du in die klichen wylt gân so soͤltn betraichten die größy und die vily der sûnd die du getôn hâst …–… gôtt der ist wôrden mênsch.
  • Bv-Cv leer.
  • Dr-Dv Glaubensbekenntnis. >Diz ist der geloͮb den sol man sprechen ze prim und ze conplet alz er in den selben zwaien tagzitten verzaichent ist< Ich geloˇb in got vatter almechtigen der ain schoepher ist himel und erden …–… nach disem leben daz ewig leben. Amen.
  • Er-1r Gereimtes Mariengebet. >Von unser frowen.< O suͤsse Maria du raini maget fry geborn von küscher art …–… und lös mich von der helle pin. Amen.
  • 1v-liiir Kleines Marienoffizium. Deutsch, oft mit vorangestelltem lateinischem Incipit der übersetzten liturgischen Einheit. Domine labia mea apperies [sic] Herre gestat mir dez daz min mund künde din lob iir >Zuͦ der ladunge und haiso invitatorium<. Ave Maria. Gegrüsset bist du Maria vol aller genaden …–… durch gotes erbarmunge ruͦwen in ewigem frid. Amen. xiir Laus metti, xxiiiir Prim, xxxr Terz, xxxiiir Sext, xxxviv Non, xxxviiiiv Vesper, xlviiir Komplet.
    Mit fünf Hymnen: iiir Quem terra pontus. Wen die erde mer und himel anbettent xviiiir O gloriosa domina. Herlichi frow hoh ob dem gestirne der dich geschaffen hat xxiiiir Kûng Crist almächtiger herre guͦter besitz unsri hertzen xliiir Gegrützet bis Maria dez meres stern hailigi gotes muoͦter lv Die gotes muoͦter ist gezieret mit vollen genaden
  • liiirlxvr Heilig-Geist-Offizium. Deutsch, teils mit lateinischen Incipit. >Hie hebent sich an die siben tagzit von dem hailgen gaist. Item ze metti< Herre zuͦ miner helf yle …–… wonen eweklich in dines waren vatters rich. Amen. lvir Prim, lviir Terz, lviiiiv Sext, lxir Non, lxiiv Vesper, lxiiiv Komplet. Ein Hymnus: liiiv Kum schoͤpfer hailger gaist haimsuͦch der dinem gemüte erfûlle
  • lxvrlxxiiv Dreifaltigkeits-Offizium. Deutsch, teils mit lateinischen Incipit. >Die siben tagzit von unsers herren erbarmung. Die Metti< Domine labia. Herre gestat mir daz. >Alz in dem ersten blat von unser frown<. Deus in adiutorium. >Invitatorium<. Den sûnder erbarmherzigen muͦter …–… wen in den ewigen frid. Amen. lxxvr Prim, lxxviv Terz, lxxviiir Sext, lxxixv Non, lxxxir Vesper, lxxxiiv Complet.
    Fünf Hymnen: lxxvr Wir sullen gotes güti ainen lobsang singen lxxviv Wir singen eren und singen lob der gotes barmhertzekait mit der er uns an dem tod bewar lxxviiir Wir singen ere und lobsang der gotes barmhertzekait der uns an dem tod bewar lxxxr Aller höchster got der güte ort hab der barmhertzekait lxxxiiir Wir singen ere und lobsang der gotes barmhertzekait
  • lxxxiiiivlxxxxiiiir Busspsalmen. Die sieben Busspsalmen auf Deutsch, meist mit lateinischem Incipit. >Dis sind die siben rûw psalmen.< Herre straf mich nût in dinem zorn …–… und verlûr alle die min sele betrübent won ich din diener bin. Lob sie. >Antiphon<. Herre nût gedenk miner sûnde noch der schulde miner frûnden noch nim nût râch von allen minen missetäten.
  • lxxxxiiiircr Litanei. Deutsch, teils mit lateinischen Incipit. Kyrieleyson. Christeleyson. Kyrieleyson. Herre Crist erhör uns …–… begnad uns Crist herre. Crist erhör uns. Kyrieleyson. Christeleyson. Kyrieleyson. Pater noster. Et ne nos. Bemerkenswerte Heilige: Bl. lxxxxvv Wenzeslaus, Adalbert, Sigismund, Bl. lxxxxvir Florian, Bl. lxxxxviv Leonhard, Gallus, Othmar, Magnus von Füssen, Wilhelm, Bl. lxxxxviir Verena, Walburga, Kunegunde, Bl. lxxxxviiv Ottilia.
  • crcir Gebete. 3 Gebete, deutsch. >Collect< Erhör herre diner flehenden gebet cr >Ain andri collect<. Vergib uns herre vergib uns unser sûnde cv >Collect<. Almächtiger und ewiger got der trurigen tröster …–… alle geloubige selen ruowen in gotes fride. Amen.
  • cir120r Totenvigil. Deutsch, teils mit lateinischen Incipit. >Die vigili von den toten. Item die metti< Die ewigen ruowe gib inen herre und daz ewig liecht müsse inen erschinen. >Invitatorium<. Mit tötlicher klag bin ich umbegeben und der helle smertzen hant mich bestanden …–… müssint sû sich fröwun eweklichen. Durch unsern Ihesum Christum.
  • 120r-165r Gebete. 9 Gebete, deutsch, teils mit lateinischen Incipit. >Von unser frowen collect< Mater misericordie. Muͦter der barmunge und ain zuͦflucht aller sûnder 120v >Sequens von ostern<. Dem osterlichen opfer bring lob die cristenhait für opfer 121v >Von sant Marien Magdalenen<. Etiam fidelis sermo. Vil getrûwe rede und sälikliche geschicht danknäm und wirdig aller eren 122r >Ain edel gebet von unsser lieben frowen<. Hailgi frow sancta Maria gotes muͦter werdi und raini magt geding und trost 150v >Von unser frowen<. Fröw dich aller lutersti maget clari minneklichi und vil gemaini und liebsti 153r >Von unser lieben frowen<. O intemerata et in eternum. O unvermasgoti und eweklich gesegnet sunderlich usgenomen aigenlich ain lutri maget 153v >Von sant Johannes ewangelist<. O Johannes aller sälgister Cristus haimlicher frûnd 157v In der kraft dez vatters in der klaren wisheit des sunes in der minne güte dez heilgen gaistes 164v >Salve regina ze tûsche<. Gegrüsset siest du kûngin der erbarmhertzikeit daz leben die süssekait und unser trost …–… O gütigi o milti o süsse gebenedicte magt Maria. Amen.
  • 165v-169v leer, abgesehen vom Besitzeintrag 169v und einem ersten Ansatz zu demselben 167r.
Origine del manoscritto: Die Wasserzeichen datieren auf das letzte Viertel des 15. Jhs. Die in den Spiegeln erhaltene Prozessurkunde unter Verweis auf einen Bürger von Bischofszell (TG) legt eine Herkunft aus der historischen Landschaft Thurgau nahe (so bereits im Katalog 1886, S. 248, siehe hierzu oben ‹Einband›). Die Vermutung findet Bestätigung in der Heiligenlitanei, welche am Ende die im Raum St. Gallen verehrten Heiligen Leonhard, Gallus, Othmar und Magnus von Füssen nennt (Bl. lxxxxviv). Bruckner, Scriptoria 10, S. 67, vermutete aufgrund der Urkunde in den Spiegeln und wegen der darin erwähnten Elserbeth Hugsin, dass die Hs. aus einem Frauenkloster stammen könnte, wofür sich allerdings keine expliziten Anhaltspunkte finden.
Provenienza del manoscritto: 169v Besitzeintrag von einer Hand des ausgehenden 16. Jhs. in roter Tinte: Das bûoch gehöret der Bese.
Acquisizione del manoscritto: Spätestens seit 1886 in der Kantonsbibliothek Thurgau, vgl. Katalog (siehe ‹Literatur›). Vielleicht handelt es sich bereits bei der Signatur M.15b im Katalog Suppl. 1864 um diese Hs. (Brevier, deutsches. Papierhdschr. aus dem XIV. Jahrh.).
Bibliografia:
  • Katalog Suppl. 1864, S. 82;
  • Katalog 1886, S. 152, 248;
  • Bruckner, Scriptoria 10, S. 67, Taf.XXI.