Aarau, Aargauer Kantonsbibliothek, MsWettF 1

Bretscher-Gisiger Charlotte / Gamper Rudolf, Katalog der mittelalterlichen Handschriften des Klosters Wettingen. Katalog der mittelalterlichen Handschriften in Aarau, Laufenburg, Lenzburg, Rheinfelden und Zofingen, Dietikon-Zürich 2009, S. 98-99.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags (Urs Graf Verlag, Dietikon). Das Copyright an der Handschriftenbeschreibung liegt beim Verlag.
Handschriftentitel: Biblia Sacra
Entstehungsort: Zürcher Kunstkreis (?)
Entstehungszeit: Um 1260-1280
Beschreibstoff: Pergament
Umfang: 334 Blätter
Format: 40 x 30 cm
Seitennummerierung: Neuere Foliierung: I-II. 1-120. 122-331. III-IV.
Lagenstruktur: 11 VI133 + (VI-1)144 + 13 VI300 + (VI-l)311 +VI323 + 8331. Bl. 324-331 eingeklebte Einzelblätter. Nach Bl. 137 und Bl. 306 je ein Blatt herausgeschnitten. Textverlust. Am Schluss fehlt eine unbekannte Anzahl von Blättern. Bl. 1-3 Ränder mit Papier geflickt, bei Bl. 331 Flickstück aus Pergament. Bl. 1-3 und 6-7 Löcher in der oberen Blatthälfte, Textverlust.
Zustand: Pergamentstück beim Textanfang herausgebrochen, nach 137vb ein Blatt mit dem Schluss des Prologs zu Ios und Ios 1,1-14 herausgeschnitten, nach 306vb ein Blatt mit dem Schluss des Prologs zu I Esr und I Esr 1,1-2,47 herausgeschnitten; bricht in III Esr 9,52 ab.
Seiteneinrichtung: Tintenliniierung, Schriftraum 27- 27,5 x 20, zweispaltig (9), 31 Zeilen.
Buchschmuck:
  • Rubriziert.
  • Überschriften rot. Kolumnentitel rot, zusätzliche Kolumnentitel mit abwechselnd roten und blauen Majuskeln bzw. römischen Zahlen, vereinzelt mit Fleuronné. Bei den Kapiteln 2-5zeilige rote und blaue Lombarden mit rotem und blauem Fleuronné, Kapitelzählung in roten und blauen römischen Zahlen. Bei den Lombarden und zwischen den Spalten ganzseitige Fleuronnéstäbe in Rot und Blau.
  • 6r, 36v und 39v Drôlerien in schwarzer oder roter und blauer Federzeichnung. 5ra , 306rb und 317rb 4-5zeilige rote, blaue oder rosafarbene Initialen mit Blüten und Blattausläufern in Rot, Rosa, Blau, Grün und Gelb auf goldenem Grund in rotem oder blauem Rahmen. Bei den Büchern 6-20zeilige, 1r und 6r ganzseitige historisierte Initialen in Rot, Rosa, Blau, Schwarz und Gold, Buchstabenkörper unterschiedlich gestaltet: ornamental gespalten, mit Zierspangen, lange Schäfte oval durchbrochen oder kettenartig aus ring-, rhombus- und herzförmigen Gliedern. An die Buchstabenkörper schliessen sich an: Blüten, Blätter und Blattausläufer in Rot, Rosa, Hellblau, Blau, Grün, Gelb, Schwarz, Grau und Weiss, vereinzelt mit Vögeln und Fabeltieren. Die Initialen stehen auf goldenem Grund in roten, rosafarbenen und blauen Rahmen, an die sich mehrseitige rot-blaue Fleuronnéstäbe anschliessen.
  • Bildmotive (Farben: Rot, Rosa, Hellblau, Blau, Grün, Gelb, Schwarz, Grau und Weiss): 1ra Hieronymus am Schreibpult (Prolog); 6ra-rb 9 Medaillons mit Schöpfungsgeschichte: Gottvater, 7 Schöpfungstage, Christus am Kreuz (Gn); 39va Moses empfängt von Gott die Gesetzestafeln (Ex); 66va Schafopfer (Lv); 84va Bileam auf der Eselin und Engel mit gezücktem Schwert (Nm); 111vb Moses spricht zu den Israeliten (Dt); 137vb Josua vor Jericho (Ios); 155ra Engel erscheint Gideon (Idc); 172vb oben: Ruth als Ährenleserin, unten: Boas nimmt Ruth zur Frau (Rt); 176rb Saul stürzt sich ins Schwert (I Sm); 199rb David vor der Festung Zion (II Sm; teilweise zerstört); 218rb Salomos Urteil (III Rg; teilweise zerstört); 240rb Elias im Feuerwagen (IV Rg); 260rb Maria mit dem Jesusknaben an der Hand (1. Prol. zu Par); 261ra Maria mit Jesuskind (2. Prol. zu Par; teilweise zerstört); 263ra Davids Krönung (I Par); 282rb Bestätigung Salomos als König (II Par); 312vb Nehemias (II Esr); 322vb König Josiah (III Esr).
Spätere Ergänzungen: Zahlreiche Korrekturen von zeitgenössischen Händen, die marginalen Korrekturen in roter oder schwarzer Umrandung, z.B. 60v, 179v, 258r. 310r Handweiser. 39va, 84va, 155 ra, 176rb, 199rb, 240rb, 260rb und 322vb bei den historisierten Initialen Drôlerien und Fratzen, 15. Jh. Wenige Marginalien von späteren Händen, z.B. 2r, 57r, 214v.
Einband: Mit braunem Leder bezogene Holzdeckel, 18. Jh. Streicheisenlinien und Rollenstempel. Zwei nach vorn greifende Kantenschliessen mit Messingteilen, die obere nur zum Teil erhalten. Grün-weisse Kapitale. Roter Schnitt. Spiegelblätter und Vorsatzblätter (I-IV) Papier, Wasserzeichen: Baslerstab, nicht bei Tschudin. Rücken mit Goldprägung und rotem Titelschild Biblia sacra mss. Vet. Test., unten Wettinger Bibliotheksignatur QL 1, 18. Jh., sowie Reste eines späteren Papierschilds.
Inhaltsangabe:
  • Ir-IIv leer.
  • 1ra-331vb Vetus Testamentum. Gn - III Esr 9,52. Prologe: >I[ncipit] epistola sancti Ieronimi presbiteri ad Paulinum presbiterum de omnibus divine hystorie libris. < Frater Ambrosius … RB 284;
    • (5ra) Desiderii mei […] RB 285.
    • (6ra) Text: [In principio creavit deus]celum et terram. Terra autem erat inanis …–… et bibite dulcissima queque (III Esr 9,52).
    • (6ra) Gn;
    • (39va) Ex;
    • (66va) Lv;
    • (84va) Nm;
    • (111vb) Dt;
    • (137vb) Ios mit Prol. RB 311;
    • (155ra) Idc;
    • (172vb) Rt;
    • (175ra) I Sm mit Prol. RB 323;
    • (199rb) II Sm;
    • (218rb) III Rg;
    • (240rb) IV Rg;
    • (260rb) I Par mit Prol. RB 323, 1, 327, 328 und Capitula in paralipomenon;
    • (282rb) II Par;
    • (306rb) I Esr mit Prol. RB 330;
    • (312vb) II Esr;
    • (322vb) III Esr 1,1-9,52.
  • IIIr-IVv leer.
Entstehung der Handschrift: Nicht belegen lässt sich die in der Literatur vermutete Herkunft aus Zürich sowie die von Beer und Kessler angedeutete Abhängigkeit von den formalen Grundlagen und von der Textredaktion der Pariser Bibeln (vgl. Branner, Manuscript Painting, S. 154 und S. 178f.). Kessler vermutet auf Grund der Schenkungsurkunde (siehe Besitzer) eine Entstehung im Zürcher Kunstkreis.
Erwerb der Handschrift: 1282/1288 wohl Rudolf Schwerz, Chorherr am Zürcher Grossmünster und Leutpriester in Altdorf nach seinen Testament, in dem er eine dreibändige Bibel (erhalten MsWettF1 und 2) dem Kloster Wettingen vermacht; Lehmann, MABK 1, N r. 77, S. 418; Martin Gabathuler, Die Kanoniker am Grossmünster und Fraumünster in Zürich, Bern 1998, S. 220f., Nr. 176. Im 18. Jh. Wettingen OCist, vgl. Einband. 2r, 45r, 126r, 248r und 331v Stempel Kantonsbibliothek Aargau, 19.-20. Jh.
Bibliographie:
  • Bruckner, Scriptoria 7, S. 113, Taf. 34;
  • Schönherr, Handschriften, Bd. 2, Nr. 7;
  • Schönherr,Kulturgeschichtliches, S. 113 und Abb. S. 115;
  • Alfons Schönherr, Kulturgeschichtliches aus dem alten Wettingen. Aus der Werkstatt des Aarauer Handschriftenkatalogs, Zürich 1955, S. 26;
  • Ellen J. Beer, Die Buchkunst des Graduales von St. Katharinenthal, in: Das Graduale von Sankt Katharinenthal. Kommentar, Luzern 1983,S. 186f., Abb. 47;
  • Cordula M. Kessler, Gotische Buchmalerei des Bodenseeraumes aus der Zeit von 1260 bis um 1340/50, in: Buchmalerei im Bodenseeraum 13. bis 16. Jahrhundert, hrsg. v. Eva Moser, Friedrichshafen1997, S. 224, KE 10;
  • Hoegger, KDM Aargau 8, 359f.